Nicht direkt über AUDL sondern Seifenopern allgemein
http://www.sueddeutsche.de/medien/712/510827/text/Einmal Soap, immer Soap: Wer Telenovelastar oder Soapdarsteller ist, bleibt es auch. Auswege sind für Schauspieler schwierig.
Genau so hatte man Sophie in Erinnerung, die intrigante Gegenspielerin Lisa Plenskes in der Telenovela Verliebt in Berlin: Die Taschenlampe im Mund, den Dietrich in der Hand, verschafft sie sich Zutritt zu Medikamentenvorräten, mit denen sie ihre Kontrahentin aus dem Weg räumen möchte. Kurz darauf träufelt sie die erbeuteten Schlafmittel in deren Nachmittagstee - doch Moment. Aber das ist doch Sturm der Liebe. Und hier wird Sophie auf einmal Cosima genannt. Und das Set ist auch keine schicke Agentur mehr sondern ein biederes Hotel.
Meist verlassen die Darsteller ihre Serien unter großen Ankündigungen, aus der Welt der Soaps und Telenovelas aussteigen zu wollen. Um kurz darauf doch genau dort wieder aufzutauchen. Wer sich einmal in die Fänge täglicher Serien begeben hat, muss bald erkennen: Aus der sensiblen Maus von GZSZ wird erst eine lesbische Unternehmensberaterin bei Anna und die Liebe und dann eine französische Konditorin bei Marienhof. Und auch der Spanier Raol aus Marienhof wurde von dem gleichen Schauspieler dargestellt, der zuvor bei Verbotene Liebe als aidskranker Ramon aus Venezuela auftrat.
So gut wie jeder Darsteller aus Soaps kennt das Serienhopping aus eigener Erfahrung, so auch Schauspielerin Josephine Schmidt. Sechseinhalb Jahre war sie bei GZSZ Paula Rapp. Jetzt spielt sie Auszeit", sagt sie. "Ich habe viel als Synchronsprecherin gearbeitet und Im November 2008 hatte sie ihren letzten Drehtag. "Danach wollte ich erstmal eine in einem Low-Budget-Film über Missbrauch in der Familie mitgespielt." Doch als das Angebot kam, als Mia Maschke in die Telenovela Anna und die Liebe einzusteigen, sagte sie wieder zu. "Es ist durchaus möglich, nach einer Soap ganz andere Sachen zu spielen. Das hängt davon ab, wie sehr man sich selbst um andere Projekte bemüht."
Ihre Rolle Paula Rapf war der burschikose Kumpeltyp mit Pferdeschwanz, der sich als Lehrling in einer Kfz-Werkstatt durchzuschlagen versuchte. Mia hat lange blonde Locken und spricht verträumte Liebesschwüre aus dem Off. "Bedingung für meinen Einstieg bei Anna und die Liebe war, dass ich einen anderen Charakter spielen konnte“, sagt Schmidt. Das Format sei ihr nicht so wichtig. "Hauptsache, ich spiele und die Rolle ist spannend." Gefangen in der Schublade des Soapdarstellers sieht sie sich nicht. "Außerdem habe ich die Möglichkeit, meine Rolle mitzuentwickeln und mich mit den Autoren zusammenzusetzen. Beim Film ist da weniger Spielraum."
Eine bewusste Entscheidung also? Als Soap-Darsteller hat man meist keine Alternative. Wer seine Karriere in einer Soap beginnt, gilt oft als Laiendarsteller ohne Ausbildung, dessen Gesicht auf immer mit dem schicksalsgebeutelten Charakter einer Serie verbunden ist. Dabei müsse man gerade für die schnelle Produktionsweise täglicher Serien sein Handwerk beherrschen, meint Charlotte Siebenrock, Head of Casting der Produktionsfirma Grundy Ufa. Sie war bei der Auswahl der Darsteller für die ZDF-Telenovelas Bianca – Wege zum Glück, Julia – Wege zum Glückund Hanna – Folge Deinem Herzen, aber auch für die RTL-Seifenoper Alles, was zählt dabei.
"Viele Soap- und Telenovela-Darsteller haben eine gute staatliche Ausbildung und durchaus das Potential, auch Filme zu drehen. Es fehlt die Gelegenheit“, sagt Siebenrock. Im Ausland sei das anders – in den USA könne man durchaus in einer Soap mitspielen und werde dennoch auch für andere Formate besetzt. "In Deutschland gibt es eine unsichtbare Grenze zwischen täglichen Formaten und Filmen, die von vielen Produzenten, Regisseuren, Castern und Redakteuren aufrecht erhalten wird.“ Die zu überqueren sei für Serienschauspieler oft schwierig, weshalb man viele nach dem Ausstieg aus einer Serie bald doch wieder in einem täglichen Format sehe.
Denn wer sich als Soap-Darsteller bewiesen hat, bringt Durchhaltevermögen mit - und Ensemblefähigkeit: "Niemand möchte über einen längeren Zeitraum täglich mit Kollegen arbeiten müssen, die sich garstig benehmen oder schlecht spielen“, sagt die Casterin.
Bis vor zwei Jahren war Gabrielle Scharnitzky Sophie von Brahmberg bei Verliebt in Berlin – intrigant, zynisch, nur auf den eigenen Vorteil bedacht. "Ich habe dort eine Rolle gespielt, die immer noch in den Köpfen der Menschen ist", sagt Scharnitzky. Als sie nach dem Ende der Telenovela etwas anderes machen wollte, musste sie ins Ausland gehen; in England drehte sie unter anderem für die BBC-Serie Bonekickers. Zurück in Deutschland erreichte sie als erstes Angebot die Anfrage für die ARD-Telenovela Sturm der Liebe. "In der Rollenbeschreibung stand: ,Cosima Zastrow - Die Teufelin in Menschengestalt’“, erzählt Scharnitzky. Der Charakter, den sie gerade hinter sich gebracht zu haben glaubte, hatte sie wieder eingeholt. Doch nach einer schlaflosen Nacht beschloss sie: "Wenn man mich in Deutschland als die Böse sehen will, dann spiele ich das."
Scharnitzky ist seit dreißig Jahren Schauspielerin und hat in zahlreichen Filmen und Theaterproduktionen gespielt. Zur Telenovela kam sie 2005; von Schubladen für Seriendarsteller will sie nichts wissen. "Während meiner Schauspielausbildung in den USA sagten meine Lehrer immer: Ob Serie, Film, Theater - 'work is work, Baby’. Und so habe ich aufgehört die jeweiligen Genres als besser oder schlechter zu beurteilen.“
Zumal man bei einer täglichen Serie täglich Arbeit hat - und das über einen längeren Zeitraum hinweg. "Diese Gleichmäßigkeit gibt es für Schauspieler sonst nur am Theater“, sagt Scharnitzky. Fast könnte man die Serie für den Bürojob für Schauspieler halten, wenn die Drehtage nicht so lang und das dabei zu absolvierende Pensum nicht so groß wären. Zwölf Stunden Arbeit für 45 Minuten sendefähiges Material warten etwa auf die Darsteller von Sturm der Liebe, und das jeden Tag. Oder, wie Josephine Schmidt es formuliert: "Das ist ein Knochenjob, das kann nicht jeder."
Dafür bietet sich ein großes Spektrum an Situationen und Emotionen, die zu spielen einem Darsteller sonst nicht täglich die Gelegenheit gegeben wird. "Morgens noch ein Stunt auf dem Dach eines Hochhauses, nachmittags tiefste Verzweiflung im Knast und abends Liebesschwüre im Schlafzimmer“, erzählt Scharnitzky. In einem Kinofilm muss man für diese Vielseitigkeit schon die Hauptrolle bekommen.
Gabrielle Scharnitzkys Leben im Sturm der Liebe endet am 21. Mai. Wie genau darf noch nicht verraten werden. Zwei Tage später fliegt sie nach London, um in dem Film Brecht in Hollywood zu spielen. Ende Juni beginnen dann in Berlin die Proben für das Musical Menopause. "Vorläufig werde ich erstmal in keiner täglichen Serie mehr spielen“, sagt sie. Doch auch sie will - wie die meisten Soap-Darsteller - einen Job im Serienformat nicht ausschließen.
Denn so sehr die Serie Arbeit verschafft, so sehr kann sie auch Karrierebremse sein. Das sieht man selbst, wenn man die vermeintliche Vorzeigekarriere von Tanja Wedhorn betrachtet. Sie spielte als Bianca in der ersten deutschen Telenovela mit und ist mittlerweile in zahlreichen Filmen zu sehen. Doch auch diese Filme, allesamt Schnulzen, tragen Titel wie Seifenopern: Mein Herz in Afrika, Meine wunderbare Familie oder London, Liebe, Taubenschlag. "Ich weiß, dass sie gerne mal anders besetzt werden würde, etwa in einem Krimi", sagt Siebenrock. Aber der Weg von der Seifenoper in den Tatort ist unendlich weit.